Wir vom Berner-Medientag-Team freuen uns, nach einer einjährigen Pause für den 28. Februar 2026 den 34. Berner Medientag ankündigen zu können. Das Thema dieser Ausgabe widmet sich Staat, Recht und Öffentlichkeit – drei Sphären, die in jüngster Zeit ein neues Rollenverständnis zu entwickeln scheinen.
Oft ist die Rede davon, dass Medien Demokratien «retten». Und tatsächlich – im informationsgesellschaftlichen Sinn stimmt das. Das Sortieren, Reflektieren und Beobachten von Zuständen und Fakten schafft Orientierung für viele und ist wichtiger denn je. Die Berichterstattung und die damit verbundene Archivierung des Zeitgeschehens sind nicht bloss Dokumentation, sondern ein Teil des kollektiven Gedächtnisses. Fällt dieser Teil weg, gehen Dinge verloren, die den Weg einer Entwicklung sichtbar gemacht hätten. Es ist, als stünden wir ohne Kompass in der Wüste, während der Wind hinter uns die Spuren verweht. Manchmal scheint genau dieses Vergessen gewollt. Denn vergessen kann befreiend sein – nur bleibt die Frage: für wen?
Bundesrat Martin Pfister bekräftigte an der Dreikönigstagung des Verlegerverbandes Schweizer Medien in Zürich (8. Januar 2026) das Verständnis und die Haltung des Bundesrates gegenüber den Medien. Ein grundsätzlich guter Ansatz – wäre da nicht die Tatsache, dass meist nur grosse Medienhäuser davon profitieren. Es wurden kaum konkrete politische oder medienpolitische Commitments ausgesprochen. Themen wie Presseförderung, Digitalisierung oder Chancengleichheit für kleinere Verlage bleiben auf bundesrätlicher wie auch auf politischer Ebene Nebenschauplätze. Dennoch wächst in politischen Kreisen zumindest das Bewusstsein für die sicherheitsrelevante Bedeutung freier Medien – ein Schritt in die richtige Richtung. Die Haltung gegenüber kleineren Verlagen endet aber allzu oft mit einem freundlichen Schulterklopfen und einem Dank für die «Angebotsvielfalt». Dabei scheint die Politik zu übersehen, wo die Mediendiskussion im Jahr 2026 angekommen ist.
Das Ereignis in Crans-Montana hat einen Missstand offengelegt, der womöglich vermeidbar gewesen wäre – gäbe es in der Schweiz eine wirklich «gesunde Medienlandschaft». Eine solche würde nicht nur fünf grossen Konzernen vorbehalten bleiben, deren Fokus auf Rendite liegt, sondern auch den übrigen 300 bis 400 Medienprodukten, die unterfinanziert ihren Auftrag erfüllen wollen. Medien tragen eine gesellschaftliche Funktion – hier sollte nicht von «Rentabilität» die Rede sein. Auch Bundesrat Pfister nannte die Medien in seiner Rede eine «Sicherheitsarchitektur» des Landes. Vorerst bleibt es wohl bei dieser rhetorischen Würdigung. Wir stehen an einem Wendepunkt: Teile der Politik wollen stetig bei der Medienförderung sparen, die Preise der Post steigen, und im März stimmen wir über eine Halbierungsinitiative ab, die offensichtlich diese «Sicherheitsarchitektur» weiter gefährden könnte.
Redaktionen sollten nicht an den Bürotisch rationalisiert, sondern ins Feld mobilisiert werden. Denn Journalistinnen und Journalisten, die draussen unterwegs sind, nehmen die Welt anders wahr als jene, die im Büro auf die nächste Pressemitteilung warten. Eine These: Wäre die Frage der Brandsicherheit in Crans-Montana im Vorfeld thematisiert worden, wenn ein funktionierender und finanzierter Journalismus zuvor seine Arbeit und seine Aufgabe hätte erfüllen können? Nun hören wir Stimmen, die sagen, sie hätten «schon lange davor gewarnt» …
Diese «Sicherheitsarchitektur» besitzt in der Schweiz eine weitere, kaum minderbedeutende Komponente – eine, die mit dem tragischen Unfall in Crans-Montana schmerzhaft sichtbar wurde. Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die aus Crans-Montana stammt, und andere Persönlichkeiten haben dies offen kritisiert: den Filz zwischen Politik, Wirtschaft, Bau- und Tourismuslobby. Dieses Geflecht begünstigt Vetternwirtschaft – und der politischen Führung entgleitet mehr und mehr die Verantwortung. Seien wir ehrlich: Die Schweiz funktioniert vielerorts wie ein Dorf. Von wegen «heile Welt». In der Folge enger Bekanntschaften werden Kontrollgremien blind, und Gesetze lassen sich elegant umschiffen. Schon als Kind kam mir das seltsam vor: Im Elektrogeschäft konnte man Telefone kaufen, die anzuschliessen jedoch verboten war. Nur – wer kontrolliert so etwas? Niemand. Und sollte doch einmal jemand hinsehen, gäbe es bloss eine Verwarnung. Die richtige «Sicherheitsarchitektur» geht so: Journalismus beobachtet, bringt Themen an die Öffentlichkeit, und Politik und Bevölkerung übernehmen im Anschluss die Verantwortung und handeln.
Doch ausgerechnet der Staat – mit seinen vielen Departementen und Direktorinnen- und Direktorenposten – verhindert selbst, dass diese «Sicherheitsarchitektur» funktionieren kann. Keine Amtsvorsteherin, kein Amtsvorsteher, keine Regierungsrätin, kein Regierungsrat, keine Mitarbeiterin, kein Mitarbeiter möchte, dass ein Fehlentscheid, eine Nachlässigkeit oder gar offensichtliche Verantwortungslosigkeit öffentlich wird. Im Gegenteil: Transparenz muss oft erkämpft werden. Dokumente verschwinden in Schubladen, werden unter Verschluss gehalten oder müssen – ironischerweise selbst von Medien – auf dem Rechtsweg eingefordert werden. Ist das also auch Teil jener «Sicherheitsarchitektur», die Bundesrat Martin Pfister stolz in seiner Rede erwähnte?
Wir müssen darüber sprechen. Der Berner Medientag setzt seine Diskussionstagungen neu bewusst an den Jahresanfang, damit wir den inhaltlichen Kompass und das Themensetting früh justieren können – und die Debatte uns das Jahr über begleitet. Gemeinsam.
- ReferentInnen:
- Martin Stoll, Verein Öffentlichkeitsgesetz.ch, Geschäftsführer
- Bernard Maissen, Direktor BAKOM
- Prof. Dr. Franziska Keller, Assistenzprofessorin Uni Bern, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
- Dr. Regula Stämpfli, Politphilosophin, Bestsellerautorin und Podcasterin, München
Berner Medientag Nr. 34
Medien zwischen Staat, Recht und Öffentlichkeit
Wann: Samstag, 28. Februar 2026
Wo: Hotel Bern, Zeughausgasse 9, 3011 Bern
Türöffnung: 9:30 Uhr
Beginn: 10:00 Uhr
Ende: 16:00 Uhr (vorgesehen – mit vielleicht Nachgang an der Bar …)
www.bernermedientag.ch
www.hotelbern.ch
Dieser Beitrag wurde im ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Nr. 278, Ausgabe Februar 2026, abgedruckt.
